Barrierefreie Wege zur psychotherapeutischen Hilfe – auch ohne Anruf
„Schon wieder eine Psychotherapie Praxis, die nur zwischen 14:15 und 15:00 Uhr telefonisch erreichbar ist.“ Kennen Sie das? Sie wissen, dass Ihnen eine Psychotherapie helfen würde, aber allein der Gedanke an die Anrufe bei verschiedenen Therapeuten lässt Sie schon erschöpft zurück. Sehr verständlich.
Es liegt nicht daran, dass Sie nicht motiviert wären. Im Gegenteil – oft sind gerade die Menschen, die nicht telefonieren können, diejenigen, die am dringendsten Hilfe suchen. Aber das System scheint manchmal nicht für alle gemacht zu sein.
Mmh, da ist so ein Kerl im Kopf, der Ihnen einredet: „Wenn du nicht mal anrufen kannst, bist du wohl nicht therapiereif.“ Quatsch. Absoluter Quatsch. Es gibt durchaus Wege, auch ohne klassische Telefonanrufe zu einer Psychotherapie zu kommen.
Warum telefonieren manchmal unmöglich ist
Erstmal – es ist völlig okay, wenn Anrufe für Sie eine unüberwindbare Hürde darstellen. Soziale Phobie, Depression, Erschöpfungszustände, Autismus-Spektrum-Störungen oder auch körperliche Einschränkungen können dazu führen, dass Telefonate schlichtweg nicht machbar sind. Manchmal kostet schon ein einziger Anruf so viel Kraft, dass für den Rest des Tages nichts mehr geht.
Das verstehen wir. Und genau deshalb sollte der Zugang zur Therapie nicht daran scheitern.
Der Weg über digitale Kanäle
Viele Therapeuten bieten inzwischen alternative Kontaktmöglichkeiten an. E-Mail ist dabei oft der erste Schritt. Schreiben Sie eine prägnante Mail, in der Sie kurz Ihre Situation schildern. Erwähnen Sie unbedingt, dass Telefonate für Sie nicht möglich sind – die meisten Therapeuten verstehen das sofort. Aber bitte – kein Roman. Die Details besprechen wir dann im Gespräch.
In unserer Praxis handhaben wir das so: Wir brauchen Ihre Kontaktdaten, eine kurze Schilderung Ihrer Schwierigkeiten und den Hinweis, dass Sie nicht telefonieren können. Dann können wir direkt eine Online-Sprechstunde vereinbaren. Keine Telefonate nötig.
Signal Messenger als Brücke
Manche Therapeuten bieten auch Chat-Kontakt über sichere Messenger wie Signal an. Das kann ein guter Zwischenschritt sein – Sie können in Ruhe schreiben, müssen aber nicht gleich in ein Videogespräch. Allerdings ist das eher für die ersten Absprachen gedacht, nicht für die eigentliche Therapie.
Die Online-Sprechstunde als Einstieg
Hier wird’s interessant: Eine psychotherapeutische Sprechstunde lässt sich problemlos online durchführen. Bewegtbild ist dabei aus unserer Sicht erforderlich – reine Telefonate oder schriftliche Anamnesen sind aus unserer Sicht nicht zulässig. Aber das ist auch gut so, denn im Videogespräch können wir uns ein viel besseres Bild machen.
Oft ist es so: Der erste Schritt – das Videogespräch – fühlt sich weniger bedrohlich an als ein Telefonat. Sie sind in Ihrer gewohnten Umgebung, können das Gespräch jederzeit beenden und haben trotzdem den direkten Kontakt.
Wenn Sie noch unsicher sind
„Aber was, wenn ich mich im Videogespräch auch unwohl fühle?“ Völlig verständliche Sorge. Hier darf ich mal was fragen – wäre es nicht einen Versuch wert? Sie können vorher alles vorbereiten, Stichpunkte aufschreiben, und wenn es gar nicht geht, dann ist das auch okay.
Manchmal ist der erste Schritt der schwerste. Und manchmal stellt man fest, dass es doch nicht so schlimm war wie befürchtet.
Praktische Schritte für Ihre Suche
Schauen Sie auf den Websites der Therapeuten nach E-Mail-Adressen oder Kontaktformularen. Schreiben Sie eine ehrliche, aber kurze Mail über Ihre Situation. Die meisten Therapeuten antworten innerhalb von 48 Stunden.
Falls eine Praxis nur telefonischen Kontakt anbietet, schreiben Sie trotzdem eine E-Mail. Erklären Sie Ihre Situation – oft finden sich auch hier Lösungen.
Warum das funktioniert
Aus neurophysiologischer Sicht ist es völlig nachvollziehbar, dass verschiedene Menschen verschiedene Kommunikationskanäle bevorzugen. Manche brauchen die visuelle Komponente, andere die Ruhe des Schreibens. Das eine ist nicht besser als das andere – es ist einfach anders.
Wichtig ist nur: Lassen Sie sich nicht entmutigen. Ihr Wunsch nach Hilfe ist berechtigt, egal über welchen Kanal Sie Kontakt aufnehmen.