Mental Health Privatpraxis

Was kann ich von Psychotherapie erwarten?

Was kann ich von Psychotherapie erwarten?

Realistische Erwartungen an moderne Therapie

Psychotherapie Erwartungen und Realität klaffen oft weit auseinander. „Nach einem sehr langen negativen Weg mit einer depressiven Phase habe ich mich entschlossen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, und die Entscheidung war eine der besten meines Lebens.“ So schreibt mir P., einer meiner Klienten nach seiner Therapie.

Aber halt.

Bevor Sie jetzt denken „Ach, wieder so ein Therapeut, der nur die Erfolgsgeschichten rauspickt“ – das stimmt nur zur Hälfte. Die andere Hälfte der Geschichte? Da sitzt jemand pünktlich in meiner Praxis, nickt brav bei allem was ich sage, erzählt seine Geschichte runter wie ein Protokoll… und sobald es emotional wird, macht er dicht. „Das bringt doch nichts, Herr Doktor. Ich kann mich da nicht drauf einlassen. Aber es soll trotzdem besser werden.“

Mmh. Verstehe ich sogar.

Nach Jahren in eigener Praxis weiß ich: Die größte Hürde für erfolgreiche Psychotherapie sind nicht Ihre Probleme. Es sind die Erwartungen daran, wie diese Probleme verschwinden sollen. Ohne dass Sie selbst schwimmen lernen müssen, sozusagen.

Aber – und jetzt wird’s interessant – wenn Sie bereit sind, diese Netflix-Therapie-Fantasien mal zur Seite zu legen, dann zeige ich Ihnen, was Psychotherapie wirklich kann. Und warum das viel kraftvoller ist als das, was Sie sich vorgestellt haben.

Das Problem mit dem passiven Patienten

Letzte Woche saß mir jemand gegenüber – nennen wir ihn Thomas – der seit acht Wochen kommt. Immer pünktlich, immer höflich, beantwortet alle Fragen. Aber sobald ich sage „Können Sie mal spüren, was das mit Ihnen macht?“ kommt: „Das hilft doch nicht. Sagen Sie mir lieber, was ich tun soll.“

Ich hab ihm dann mal erklärt: „Thomas, ich kann für Sie nicht schwimmen lernen. Ich kann Ihnen zeigen, wie die Bewegungen gehen, wie Sie atmen müssen, wo die Gefahren lauern. Aber ins Wasser müssen Sie selbst.“

Er schaute mich an, als hätte ich ihm erzählt, dass die Erde eine Scheibe ist.

Was passiert eigentlich in einer Therapiesitzung?

Viele stellen sich Therapie vor wie einen Arztbesuch. Sie erzählen ihre Symptome, ich stelle eine Diagnose und verschreibe die Lösung. Aber so läuft das nicht.

Eine typische Sitzung bei mir? Wir schauen erst mal, wo Sie gerade stehen. „Wie geht es aktuell? Wie war die Woche? Was ist passiert? Woran wollen wir heute arbeiten?“

Dann wird’s konkret. Nehmen wir Thomas: Er erzählt, dass er wieder nicht geschlafen hat, weil er über die Arbeit grübelt. Statt ihm zu sagen „Denken Sie einfach an was anderes“ (das wäre Beratung), frage ich: „Können Sie das Grübeln mal genauer beschreiben? Wo spüren Sie das im Körper? Wie fühlt sich das an?“

Und da passiert’s oft. „Ach so… das sitzt mir tatsächlich schwer im Magen.“ Oder: „Das macht mich richtig unruhig in der Brust.“

Das ist der Moment, wo aus Gedanken Gefühle werden. Wo Sie anfangen zu spüren, was Ihr System eigentlich macht. Und erst dann können wir schauen: Was braucht Ihr System denn, um runterzukommen?

Manchmal ist das eine Atemtechnik. Manchmal eine Übung aus der Schematherapie. Manchmal EMDR, wenn es um alte Verletzungen geht. Das entscheiden wir gemeinsam – je nachdem, was Sie gerade brauchen können.

Die emotionale Achterbahn (und warum das gut ist)

Hier kommt was, worauf Sie sich einstellen sollten: Es wird erstmal ungemütlich. A. beschrieb es perfekt: „Nach den Sitzungen fühlte ich mich erschöpft und zufrieden wie nach einem Besuch im Fitnessstudio.“

Warum ist das so? Weil Sie Muskeln trainieren, die Sie lange nicht benutzt haben. Emotionale Muskeln.

Wenn Sie jahrelang vor schwierigen Gefühlen weggelaufen sind, dann ist es erstmal anstrengend, sie anzuschauen. Wenn Sie immer funktioniert haben, ist es komisch, mal zu spüren, was Sie wirklich brauchen.

Aber – und das ist wichtig – diese Anstrengung führt irgendwo hin. J.M. schreibt: „Meinem Tagebuch entnehme ich heute, dass sehr schnell eine gefühlte Verbesserung eingetreten ist. Und diese hat sich dann auch verfestigt.“

Das ist der Unterschied zu einem Pflaster. Die Verbesserung kommt nicht, weil ich Ihnen was weggenommen habe. Sie kommt, weil Sie was dazugelernt haben.

Was Sie von Psychotherapie erwarten können (und was nicht)

Hier die Wahrheit, die Ihnen vorher niemand sagt:

Erwarten Sie NICHT:

  • Dass ich Ihnen sage, was Sie tun sollen (das ist Beratung, nicht Therapie)
  • Dass Sie nach drei Sitzungen „geheilt“ sind (das ist ein Pflaster, keine Heilung)
  • Dass Sie nur erzählen müssen und der Rest passiert von selbst (das ist ein teures Gespräch mit einem Fremden)

Erwarten Sie SCHON:

  • Dass Sie Werkzeuge bekommen, die funktionieren (wenn Sie sie benutzen)
  • Dass Sie verstehen, warum Ihr Kopf macht, was er macht (Neurophysiologie ist faszinierend)
  • Dass Sie anders mit sich umgehen lernen (und dadurch alles andere auch anders wird)

Die Sache mit der Zeit

„Wie lange dauert das denn?“ Das ist immer die erste Frage. Und die ehrliche Antwort? Das ist keine Reparatur in der Werkstatt. J.M. brauchte 30 Sitzungen für seine Erschöpfungsdepression. Andere brauchen bei Trauma drei Sitzungen, wieder andere achtzig. Das ist kein KPI, den ich Ihnen versprechen kann.

Was ich aus meiner Erfahrung sagen kann: Wenn Sie bereit sind zu arbeiten – und zwar emotional zu arbeiten, nicht nur intellektuell – dann werden Sie Veränderungen spüren.

Genau das ist der Punkt.

Der Unterschied zwischen verstehen und fühlen

Viele kommen mit dem Kopf voller Psychologie-Wissen aus dem Internet. „Ich weiß ja, dass es an meiner Kindheit liegt.“ Mmh, schön. Aber wissen und fühlen sind zwei verschiedene Baustellen.

In meiner eigenen Selbsterfahrung während der Ausbildung war das erste Mal komisch, mit jemandem über Dinge zu sprechen, die ich vorher nur gedacht hatte. Dieser Moment, wo Gedanken zu Worten werden und plötzlich real im Raum stehen… das verändert was.

Was moderne Psychotherapie wirklich ist

Vergessen Sie das Bild vom stummen Analytiker hinter der Couch. Die Verhaltenstherapie der dritten Welle – mit Schematherapie, ACT, Traumatherapie – das ist das Modernste, was es aktuell gibt. Das sind keine 20 Jahre alten Methoden, sondern brandaktuelle Neurowissenschaft, die funktioniert.

U. schrieb mir: „Das Grübeln wurde durch logisches Verständnis gestoppt. Ich war immer sehr erfreut über die Wissenschaftlichkeit der Methoden.“

Das ist es. Nicht Esoterik, nicht Kaffeesatzleserei. Sondern nachvollziehbare, überprüfbare Methoden, die Ihrem Gehirn dabei helfen, neue Wege zu finden.

Die unbequeme Wahrheit

Hier kommt, was niemand gerne hört: Psychotherapie ist Arbeit. Emotionale Arbeit. Und die kann Ihnen niemand abnehmen.

Ich kann Ihnen erklären, wie Ihre Muster wahrscheinlich entstanden sind. Ich kann Ihnen Werkzeuge geben, um sie zu ändern. Ich kann Sie dabei begleiten, wenn Sie sich trauen, mal was anderes auszuprobieren.

Aber das Ausprobieren? Das müssen Sie selbst machen.

Wollen Sie das wirklich?

Bevor Sie einen Termin buchen, fragen Sie sich ehrlich: Sind Sie bereit, sich emotional einzulassen? Oder suchen Sie jemanden, der Ihnen sagt, was Sie tun sollen, während Sie innerlich auf Durchzug schalten?

Falls zweiteres: Sparen Sie sich das Geld. Kaufen Sie lieber ein Selbsthilfebuch.

Falls ersteres: Dann kann Psychotherapie Ihr Leben verändern. Nicht ich verändere es – Sie tun es. Aber Sie müssen es nicht alleine tun.

C. fasste es perfekt zusammen: „Ich kann mich zunehmend dem Schmerzhaften in meinem Leben öffnen und bekomme neue Wege aufgezeigt, ursprünglich belastenden Gefühlen zu begegnen.“

Das ist Psychotherapie. Nicht Magie, nicht Hokuspokus. Sondern wissenschaftlich fundierte Hilfe zur Selbsthilfe.

Die Frage ist nur: Wollen Sie wirklich Hilfe zur Selbsthilfe? Oder wollen Sie, dass jemand anderes die Arbeit macht?

Ihre Antwort entscheidet darüber, ob Therapie für Sie funktioniert oder nicht.

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Weshalb ist ein Erstgespräch notwendig?

Das anfängliche Gespräch bei Dr. Zeiß ähnelt der psychotherapeutischen Sprechstunde im regulären Versorgungssystem.

Beide sind für die erste Diagnose und Beurteilung gedacht, um festzustellen, ob eine behandlungsbedürftige Krankheit besteht und welche Art von Therapie angebracht ist.

In dieser ersten persönlichen Unterhaltung erhalten Sie Informationen über den Verlauf einer Psychotherapie sowie über mögliche Risiken und Nebenwirkungen. Zudem haben Sie die Möglichkeit, Fragen zur Therapie bei Dr. Zeiß zu stellen. Sobald Sie ausreichend informiert sind, können Sie entscheiden, ob und wie Sie behandelt werden möchten.