Mental Health Privatpraxis

Depression erkennen: Warum „Reiß dich zusammen“ der Grund ist, warum du hier landest

Depression erkennen: Warum Reiß dich zusammen

Wenn die „Kein-Bock-Haltung“ unfreiwillig da ist

„Schon wieder nichts geschafft heute.“

Kennen Sie das? Diesen inneren Dialog, der morgens anfängt und abends immer noch läuft? Diese… mmh… wie soll ich das nennen… diese Kein-Bock-Haltung, die einfach da ist. Unfreiwillig. Wie ein ungebetener Gast, der sich in Ihrem Kopf breitgemacht hat.

Sehr ärgerlich, oder?

Das liegt nicht daran, dass Sie faul oder wertlos sind. Auch nicht daran, dass Sie sich „einfach mal zusammenreißen“ müssten. Der Kerl in Ihrem Kopf, der Ihnen das einredet – der hat keine Ahnung von Neurophysiologie.

Darf ich Ihnen mal was sagen? Diese „Reiß-dich-zusammen“-Mentalität ist der Grund, warum Sie jetzt hier sind. Sie ist der Garant dafür, dass es erst mal vordergründig besser wird, das Problem aber nur in die Zukunft verschiebt. Und dabei noch größere Wunden reißt.

Der Mann ohne Identität – und warum Schnelligkeit möglich ist

Vor einiger Zeit saß ein junger Mann bei mir. Südeuropäisches Ausland, aber eigentlich aus der damaligen Sowjetunion. Stellen Sie sich vor: Als Kind schon entwurzelt, dann dort aufgewachsen, wo er als Außenseiter und Ausländer galt. Keine Identifikation mit nichts.

Schwere Depression. Richtig schwer.

Aber – und das ist wichtig – er war bereit, an sich zu arbeiten. Keine Ausreden, kein „Das bringt eh nichts“. In drei Wochen, dreimal pro Woche, haben wir das hinbekommen. Therapie beendet.

Das ist ein Ausnahmefall, ja. Aber es zeigt: Wenn die Bereitschaft da ist und man weiß, wo man anpackt…

Was Depression wirklich ist (und warum Ihr Bauchgefühl stimmt)

Depression ist nicht einfach nur „schlecht drauf sein“. Jeder Mensch hat ab und zu eine depressive Phase – das ist normal. Erst wenn diese länger andauert, sprechen wir von einer Depression oder depressiven Episode.

Der Unterschied? Zeit und Tiefe.

Bei einer echten Depression sitzt das wie ein Stein im Magen. Jeden Tag. Wochen-, monatelang. Sie haben die Nase voll von allem, aber gleichzeitig fehlt die Kraft, irgendetwas zu ändern.

Die typischen Zeichen, die Sie wahrscheinlich schon kennen:
Da ist diese gedrückte Stimmung, die tagelang, oft wochenlang im Keller hängt. Morgens ist alles am schlimmsten – der Antrieb liegt irgendwo unter null (das nennen wir Morgentief).

Freude an Dingen, die früher Spaß gemacht haben? Fehlanzeige. Völliger Interessenverlust. Selbst das Lieblingshobby fühlt sich an wie Arbeit.

Dazu kommt diese bleierne Müdigkeit, die auch durch Schlaf nicht weggeht. Apropos Schlaf – entweder Sie pennen 12 Stunden und sind trotzdem erschöpft, oder Sie liegen stundenlang wach und grübeln.

Die Konzentration? Wie durch Watte. Bücher lesen wird zur Qual, selbst Netflix ist anstrengend.

Essen interessiert nicht mehr – oder Sie stopfen alles in sich rein, ohne es zu schmecken. Der Körper fühlt sich schwer an, manchmal wie gelähmt.

Und dann dieses endlose Grübeln – wie eine kaputte Schallplatte. Oft über Dinge, die schiefgelaufen sind, über Schuld, über die eigene Wertlosigkeit.

Der Egoismus-Irrtum (und warum Ihre Kindheit dabei eine Rolle spielt)

Hier kommt oft der Lichtblick für meine Patienten: Die wirkliche Definition von Egoismus.

Viele wurden als Kinder beschimpft mit „Sei nicht so egoistisch!“, wenn die Eltern mit der Situation überfordert waren. Das führt kurzfristig zu Ruhe. Langfristig lernen Sie nicht, auf Ihre Bedürfnisse zu hören.

Und das – das erhöht die Wahrscheinlichkeit einer depressiven Episode erheblich. Wenn ich meine Bedürfnisse nicht wahrnehmen kann, kann ich nicht auf diese reagieren und ich manövriere mich mit meinem Verhalten oft ins Abseits.

Echter Egoismus wäre: „Ich will das haben und mir ist egal wie es anderen dabei geht.“
Auf die eigenen Bedürfnisse zu hören ist kein Egoismus.

Das ist Selbstfürsorge.

Die drei Dummheiten, die ich täglich höre

„Ich bin doch nicht verrückt!“
Natürlich sind Sie nicht verrückt. Depression ist eine Erkrankung wie ein gebrochenes Bein. Nur dass man sie nicht sieht.

„Anderen geht’s schlechter!“
Ja, stimmt. Und trotzdem dürfen Sie Hilfe brauchen. Ihr Leid wird nicht kleiner, weil woanders auch gelitten wird.

„Das geht schon wieder weg!“
Mmh… kann sein. Kann aber auch chronisch werden. Warum das Risiko eingehen?

Wann sollten Sie handeln?

Wenn der „ungebetene Gast“ länger als zwei Wochen bleibt und Ihr Leben beeinträchtigt. Wenn Sie merken, dass Sie sich zurückziehen. Wenn körperliche Symptome auftauchen, für die der Hausarzt keine Ursache findet.

Reizbarkeit kann übrigens auch ein Zeichen sein. Nicht jeder wird traurig bei einer Depression.

Was ich anders mache

Nach Jahren in der Psychiatrie und viel eigener Selbsterfahrung kann ich eine tiefe Verbindung zu meinen Patienten aufbauen. Ich habe viel gesehen, viel erlebt. Deshalb kann ich empathisch sein, ohne in die Betroffenheit zu rutschen.

Mein Job ist es, dass es Ihnen besser geht. Nicht, dass Sie sich gut fühlen über mich.

Der Weg raus

Depression ist behandelbar. Gut behandelbar sogar. Psychotherapie ist das A und O – da lernen Sie, was schiefläuft und wie Sie es ändern können. Medikamente?

Können helfen, wieder arbeitsfähig zu werden, damit die Therapie überhaupt greifen kann. Aber Pillen allein – das reicht meist nicht.

Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische Ansätze, EMDR bei Traumata, ACT, Schematherapie – es gibt viele Wege. Der richtige hängt von Ihnen ab.

Aber – und das ist wichtig – Sie müssen wollen. Nicht perfekt motiviert sein. Nur bereit, sich helfen zu lassen.

Was Sie jetzt tun können

Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl. Wenn Sie bis hierher gelesen haben, ahnen Sie wahrscheinlich schon, dass da mehr ist als nur „schlechte Tage“.

Das ist ok. Das ist sogar gut – denn Erkenntnis ist der erste Schritt.

Suchen Sie sich Hilfe. Hausarzt als erste Anlaufstelle. Psychotherapeut – ja, die Wartezeiten sind oft lang, aber es gibt auch Privatpraxen ohne Warteliste.

Oder schauen Sie nach Selbstzahler-Angeboten – keine Wartezeit, dafür zahlen Sie selbst. Bei manchen Versicherungen bekommen Sie das Geld zurück.

Und falls Sie Gedanken haben, sich etwas anzutun: Dann sofort Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder nächste Notaufnahme.

Sie sind nicht allein mit dem, was Sie durchmachen. Und Sie müssen es nicht allein schaffen.

Dieser Artikel ersetzt keine professionelle Beratung oder Behandlung. Bei akuten Suizidgedanken wenden Sie sich sofort an den Notdienst 112 oder die nächste Klinik.


Über den Autor:
Dr. med. Daniel Zeiß ist Ärztlicher Psychotherapeut. Seine Praxis für Mental Health Psychotherapie betreibt er in Frankfurt am Main, Hannover und online weltweit.

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Weshalb ist ein Erstgespräch notwendig?

Das anfängliche Gespräch bei Dr. Zeiß ähnelt der psychotherapeutischen Sprechstunde im regulären Versorgungssystem.

Beide sind für die erste Diagnose und Beurteilung gedacht, um festzustellen, ob eine behandlungsbedürftige Krankheit besteht und welche Art von Therapie angebracht ist.

In dieser ersten persönlichen Unterhaltung erhalten Sie Informationen über den Verlauf einer Psychotherapie sowie über mögliche Risiken und Nebenwirkungen. Zudem haben Sie die Möglichkeit, Fragen zur Therapie bei Dr. Zeiß zu stellen. Sobald Sie ausreichend informiert sind, können Sie entscheiden, ob und wie Sie behandelt werden möchten.